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Die grössten Wahlen aller Zeiten

Posted by on April 27, 2014

Es sind die grössten Wahlen die die Welt je gesehen hat, 815 Millionen Wahlberechtigte sind an die Urnen gerufen (so viele Menschen leben in ganz Europa nicht). Ein solches Unterfangen ist denn auch logistisch und organisatorisch nicht ganz so einfach. So dauern die Wahlen nicht einen Tag wie bei uns, sondern einen ganzen Monat. Angefangen hat es am 7. April irgendwo weit weg im hohen Nordosten und sie dauern bis zum 12. Mai. Ausgezählt soll dann endlich am 16. Mai sein.

Gewählt wird mit Wahlmaschinen, wobei es nicht immer ganz einfach ist diese an die abgelegensten Orte Indiens zu bringen.

Wahlmaschinen werden mit dem Boot transportiert

… oder mit der Auto Rickshaw

Da Indien nach wie vor einen grossen Anteil an Analphabeten hat, wird mit Symbolen gearbeitet. Jede Partei und jeder Kandidat hat sein eigenes Symbol, die man auf der Wahlmaschine dann antippen kann.

Wahlmaschine mit Symbolen. Böse Zungen behaupten, dass “NOTA” die Wahlen gewinnen wird (NOTA steht für “keiner der oben genannten”).

Um wählen zu können, muss man irgendwo registriert sein. Leider ist das wie alles was mit Beamten zu tun hat wegen der riesigen Bürokratie in Indien nicht ganz so einfach. Insbesondere ist es sehr mühsam sich umzumelden, wenn man irgendwo hinzieht. Und so sind viele immer noch an Orten eingetragen, wo sie schon seit Jahren nicht mehr wohnen. Andere, vor allem Mitglieder der Unterschicht wohnen und arbeiten zwar in der Stadt, sind aber an ihrem Geburtsort auf dem Land eingetragen, weil sie so einfacher zu Subventionen kommen. Deshalb ist Wählen in Indien für viele mit Reisen und langen Strapazen verbunden. Und auch wer nicht reisen muss der muss viel Zeit einrechnen, denn die Schlangen sind lang.

Lange Schlange vor einem indischen Wahllokal – schön getrennt nach Männern und Frauen (wie so vieles hier)

So ist es denn auch verständlich, dass am Wahltag die meisten Geschäfte geschlossen sind und man seinen Mitarbeitern freigeben muss. Bei uns hier in Hyderabad ist es am nächsten Mittwoch soweit, unsere Firma bleibt somit geschlossen.

Und da am Donnerstag mit dem 1. Mai auch ein Feiertag ist, ergreifen wir die Gelegenheit dem ganzen Wahldurcheinander zu entgehen und flüchten für ein paar Tage auf die Malediven.

Doch zurück zum Thema..

Indien ist die grösste Demokratie der Welt. So heisst es. Doch vieles hier kommt einem ganz und gar nicht demokratisch vor. Die oben erwähnten Hindernisse sind das eine. Dann gibt es natürlich die grassierende Korruption. Trotz der landesweiten Protestwelle im Jahr 2011, ist es immer noch an der Tagesordnung haufenweise Geld, Geschenke und Naturalien an die Unterschicht zu verteilen, um deren Stimmen zu gewinnen. Deshalb sieht man in diesen Tagen viele Verkehrskontrollen, wo Polizisten zahlreiche Autos anhalten und nach Kisten mit Geld suchen (…um dieses dann selber einzustecken). Viel Geld fliesst auch damit man es als Kandidat überhaupt auf den Wahlzettel einer Partei schafft. Und wenn einen die eine Partei nicht will (oder wenn man denkt, dass diese keine Chance hat), dann bandelt man halt mit einer anderen an (selbst wenn es sich um den politischen Gegner handelt, den man vorher Jahre lang bekämpft und diffamiert hat).

Dann gibt es das Wählen nach dem Kastenprinzip, welches ich (wie vieles was mit Kasten zu tun hat) nicht verstehe. Aber offensichtlich spielt nicht der Leistungsausweis eines Kandidaten, sondern seine Kaste eine Rolle.

Schliesslich ist es auch normal, dass politische Sitze vererbt werden. So sitzen einige Familien schon in der dritten Generation im Parlament. Darauf angesprochen meinte ein Arbeitskollege das sei normal, Berufe seien nunmal Familiensache in Indien. Und so wählt man eben den Sohn, genau so wie man immer noch im selben Gemüseladen einkauft, wenn der Sohn diesen vom Vater übernimmt.

Wenn man sich umhört, hört man immer wieder das Selbe. Es spiele sowieso keine Rolle wen man wähle, korrupt und egoistisch seien sowieso alle Kandidaten. Das Wohl des Volkes habe kein Politiker im Sinn, es gehe nur darum bis zu den nächsten Wahlen möglichst viel Geld abzuschöpfen. Und als Mittelschicht könne man ohnehin nichts beeinflussen, denn zu zahlreich sei die ungebildete arme Unterschicht die einfach diejenigen wähle die ihnen am meisten versprechen bzw. bezahlen.

Als Ausländer kann ich das alles nicht direkt beurteilen aber es tönt zumindest plausibel. Wenn man indische Politiker sieht, dann verhalten sich diese schon sehr gebieterisch, wirken meistens äusserst arrogant, haben viele Privilegien (die man eher in den Zeiten des Kolonialismus erwartet hätte) und fast alle sind unglaublich reich.

Kampagne der grössten Tageszeitung des Landes gegen die unglaubliche Arroganz von indischen Politikern und Vertretern der Oberschicht

Der Ausgang der Wahlen scheint gemäss Umfragen schon relativ klar zu sein. Die rechtskonservative, hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party unter der Führung von Narendra Modi wird das Rennen machen. Zu negativ ist die Bilanz der derzeitigen Regierung, zu unbeliebt ist deshalb die Kongresspartei unter der Führung von Sonja Gandhi.

Dabei ist Modi (seit 2001 Regierungschef des Bundesstaates Gujarat) nicht unumstritten. Nach einem Anschlag auf einen mit Hindus besetzten Zug, kam es 2002 in Gujarat zu massiven Ausschreitungen. Schnell schien klar zu sein, dass Muslime den Anschlag verübt hatten. Selbstjustiz und Racheaktionen nahmen darauf ihre eigene Dynamik an und so kam es zu einer der grössten Gewaltwellen gegen Muslime in der jüngeren Geschichte Indiens. Je nach Quelle sollen dabei innert drei Wochen zwischen 800 und 2000 Muslime von wütenden Mobs brutal ermordet worden sein. Die Rolle der hindu-nationalistischen Regierung unter der Führung von Modi ist dabei umstritten. Unbestritten ist, dass sie praktisch nichts unternommen hat um die Gewalt gegen Muslime zu stoppen. Unbestritten ist auch, dass nach den Unruhen sowohl Grossbritannien, die EU und die USA Modi mit einem Boykott verhängt haben. 2005 wurde ihm die Einreise in die USA, wegen schwerer Verletzung der Religionsfreiheit verweigert.

Doch das ist alles vergessen. Modi wirbt mit Aufschwung, Reformen und Wachstum. Vom Wunder von Gujarat ist die Rede. Entwickelt soll er diesen Staat haben, wie kein anderer in Indien. Vom armen Teeverkäufer zum Premierminister, die Story ist gut und kommt beim Volk an.

Narendra Modi, aller Voraussicht nach der neue Premier Minister Indiens

Da man es sich mit einem wichtigen Handelspartner wie Indien wohl nicht verscherzen will, haben Grossbritannien und die EU ihre Boykotte gegen Modi nach zehn Jahren rechtzeitig vor den Wahlen beendet. Und auch die USA meinte neulich zu ihrem Verhältnis mit Modi, dass  jeder rechtmässig gewählte Führer Indiens ein willkommener Partner sein werde.

Bei so viel Zustimmung steht einer florierenden Zukunft Indiens wohl rein gar nichts mehr im Wege. Oder ganz nach dem berühmten indischen Sprichwort: “Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende”.

2 Responses to Die grössten Wahlen aller Zeiten

  1. Lorenz

    Hallo Andrea und Vosi,
    beeindruckender Eintrag zu den grössten Wahlen aller Zeiten. Unbestritten habt ihr immer spannende Geschichten für uns auf Lager. Langweilig wirds einem nie in Indien. Hoffe, ihr erholt Euch unterdessen gut in den Malediven. Unterdessen kümmern wir uns um Euren Garten;)

    Unbestritten ist auch, dass Modi die Rachefeldzügen unterstützt und angehetzt hat.Wenn der Massenmörder Modi gewählt wird, dann ist es wirklich “nicht gut”. Für seine persönlichen populisitschen Ziele hetzt Modi ständig gegen die religiösen Minderheiten. In einem fragilen Vielvölkerstaat wie Indien ist es definitiv “nicht gut”, sondern wird blutig. Und wie gesagt, es ist noch nicht das Ende. :(

    Habts gut und liebe Grüsse
    Lorenz

    PS:Wenn man den toten Hund nicht aus dem Brunnen holt,
    wird man den Brunnen nie sauber bekommen.

    • Thomas

      Danke Lorenz! …für deinen Kommentar und für’s um den Garten kümmern :-)
      Liebe Grüsse,
      Vosi & Andrea